Jules und ich — eine Umschreibung

Die Sonne schien. Die Sonne schien schon seit zwei Wochen. Trotz der Hitze, der Trockenheit, der Trägheit verließ der Fremde seine Behausung. Er kündigte seinen Besuch digital an: „Wurde nach Nürnberg eingeladen und komme dann an.“

„Ich bin da und freue mich“, lautete meine getippte Antwort. Es blieb heiß, die Sonne strahlte. Ich stellte mir vor, wie er mit seiner überdimensionierten Strahlenschutzbrille in einen Wurm einsteigt, der sich von Hannover bis zu mir durchgräbt. Angekommen entsteigt er dem Tier, rückt die Brille zurecht, die ihm ein insektenhaftes Antlitz verleiht, um in den nächsten Strahlenschutzraum zu begeben.

Er rief an. Er wäre jetzt da. Wohin? Zu mir. Wie? Zweirad unsinnigerweise sehr umständlich. Taxi. Ich vermutet durch mein Genuschel am Telefon käme er bei der falschen Nummer raus. Also setzte ich mir meine Strahlenschutzhaube auf und verließ zur geschätzten Ankunftszeit mein wohltemperiertes Atelier und hielt Ausschau nach einem Fremden. Unweit meines Beobachtungspostens zeigte sich eine Gestalt, die offenkundig eine Hausnummer suchte, Klingelschilder betrachtet und andere Fremde ansprach. Aha! Ich lief los, den Suchenden zu inspizieren, der wiederum schien mein Vorhaben zu ahnen und lief geradewegs in die andere Richtung, weg von mir.

Ich zückte mein Mobiltelefon, ließ es die frisch gespeicherte Nummer des Fremden wählen. Der Flüchtige machte keinerlei Anstalten stehen zu bleiben oder nach seinem Mobilgerät zu greifen. Die Gestalt mit dem Rucksack bog in einen Weg ein und ich musste mich doch sehr beeilen sie einzuholen. Schon nach 3 Metern erhöhter Gehgeschwindigkeit tropfte mir der Schweiß von der Stirn. Gewissermaßen aus Notwehr rief ich: „Jules?“. Der Fremde bewegte sich weiter fort. Lauter und kräftiger: „Jules!“. Von Schwerhörigkeit war nie die Rede, der Flüchtling stand, drehte sich, wir sahen uns an: „Christian?“. Keine Schwerhörigkeit, kein Fremder.

Zehn Meter später saßen wir bei mir und es war gut.

Studio-No-One

Ateliersommer.

mehr zu Jules Frankenexpedition: 1, 2, 3, 4, 5 und die „Umschreibung„, kann man auch kaufen: Da zum Beispiel.

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14 Gedanken zu “Jules und ich — eine Umschreibung

      1. Hättest du mich mal gewarnt, dass sich zwei Maß Kellerbier und eine Apfelschorle nicht vertragen. Ich kannte mich ja nicht aus. Die Idee vom Transportwurm, der sich von Hannover nach Nürnberg durchgräbt, gefällt mir sehr gut, ich klaue das für meine nächsten Text (natürlich mit Quellenangabe).

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      2. aaaah. jetzt verstehe ich das mit den maßen. als alter kölschtrinker bist du natürlich 0,2 liter gewöhnt. der übliche krug bzw. des seidla ist nur ein halber liter, wohingegen die maß (die genormte) ein ganzer liter ist. außer am oktoberfest, da ist rückenfreundliche maß – für die bedienung – zwischen einem 3/4 und 4/5 liter. also genau gesagt hast du 2 seidla bzw. einen liter bier zu dir genommen, was sich im grunde am nach hause weg ausschwitzen ließ. sigi zimmerschied hatte eine art bestof programm das hieß „ausschwitzen“fällt mir so ein:
        https://www.youtube.com/watch?v=Ws0MFB6-lXk oder https://youtu.be/1AKesbhyfao hab leider auf die schnelle keine besseren ausschnitte gefunden, aber live auch berauschend.

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      3. der herr zimmerschied ist auf der bühne ein echter berserker, war im bayerischen rundfunk, wie die biermöslblosn auch, lange verboten. in diesem fall ein zeichen für qualität! inzwischen spielt sigi zimmerschied selbst beim tatort mit.

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