Deutschlands schönste Bücher — wider

Als Buchgestalter, hätte ich eigentlich viel früher vom offenen Brief an die Stiftung Buchkunst „wider dem schönen (deutschen) Buch“ wissen müssen. Aus der Pressemitteilung der HFBK Hamburg:

Anlässlich der bevorstehenden Präsentation »Deutschlands schönster Bücher 2018« auf der Frankfurter Buchmesse haben die Grafikdesign-Professoren Ingo Offermanns (HFBK Hamburg), Markus Dreßen (HGB Leipzig) und Markus Weisbeck (Bauhaus-Universität Weimar) einen offenen Brief veröffentlicht, in dem sie sich kritisch zur inhaltlichen Ausrichtung der Stiftung Buchkunst positionieren.

Die Stiftung agiere »wie ein nationaler Interessenverband der Druck- und Verlagsindustrie, nicht aber wie eine Kultur fördernde und von Kulturförderung bedachte Institution, die virulente buchkünstlerische/buchgestalterische Diskurse spiegeln sollte«. Vor allem in ihrer Rolle als Ausrichter des Wettbewerbs »Die Schönsten Deutschen Bücher« ignoriere sie experimentelle und künstlerische Entwicklungen.

Mehr als 20 Grafikdesign-Professor*innen führender deutscher Hochschulen haben den offenen Brief bisher unterzeichnet. Neben ihrer Kritik an bestehenden Strukturen verbinden sie damit aber auch das grundsätzliche Plädoyer für »einen alternativen und transnationalen buchästhetischen Diskurs«.

Wenn Sie den offenen Brief ebenfalls unterzeichnen möchten, besuchen Sie bitte die Seite https://secure.avaaz.org/de/petition/Stiftung_Buchkunst_Stiftung_Buchkunst_Wider_das_schoene_deutsche_Buch/?cFBbxnb

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Wider »das schöne (deutsche) Buch«

Gestaltung ist immer politisch. Grafikdesign in der heutigen Zeit anders zu denken, wäre verantwortungslos, denn (Grafik)Design beeinflusst unseren hyper-medialisierten Alltag so stark wie kaum eine andere ästhetische Disziplin.

Angesichts kapitalistischer Vereinnahmung und zunehmender populistischer Verzerrung von Sprache und Kommunikation muss Grafikdesign im Allgemeinen und Buchgestaltung im Besonderen, ein Ort differenzierter ästhetischer Verhandlung sein: Sie ist integraler Bestandteil unserer Sprach- und Schreibkultur; hier werden gesellschaftliche Übersetzungen entwickelt und umgesetzt. Das Wechselspiel zwischen Verhandeln, Erproben und Anwenden beschreibt einen offenen Prozess, der mindestens so viel Experiment wie Pragmatismus erfordert. Buchgestaltung primär affirmativ und in kommerziellen Verwertungszusammenhängen zu denken, ist eine unzutreffende und unverantwortliche Verengung, denn kritische Ästhetik trägt weiter als jede Marketingstrategie. Es braucht darum ein Forum, das diesen zentralen Aspekt kritisch-ästhetischen Kulturschaffens fördert und vermittelt.

Die Stiftung Buchkunst will ein solcher Ort sein. Lässt man die Stiftungsarbeit der letzten Jahre allerdings Revue passieren, drängt sich der Eindruck auf, dass die Stiftung »das schöne Buch« als marktgerechtes Erbauungsaccessoire mit Renditepotenzial missversteht und den nationalen wie internationalen Diskurs kritischer Buchästhetik systematisch ausblendet. Kurz gesagt: Die Stiftung Buchkunst agiert wie ein nationaler Interessenverband der Druck- und Verlagsindustrie, nicht aber wie eine Kultur fördernde und von Kulturförderung bedachte Institution, die virulente buchkünstlerische/buchgestalterische Diskurse spiegeln sollte.

Wir – die Unterzeichner*innen dieses offenen Briefes – plädieren deshalb für einen alternativen und transnationalen buchästhetischen Diskurs innerhalb und außerhalb der Stiftung Buchkunst, der die Bandbreite buchgestalterischer Reflexion und Innovation sowie das künstlerische Experiment spiegelt – egal ob dies am Markt, in Kulturinstitutionen oder an Hochschulen passiert.

Wir brauchen deshalb Jurys, die diese Kontexte nicht feindlich und hierarchisch voneinander abgrenzen, sondern herausragende Buchgestaltung aufspüren und zur Diskussion stellen. Sollte sich ein solcher Ansatz in der Stiftung Buchkunst nicht abbilden lassen, machen wir uns für eine alternative Institution buchkünstlerischen Diskurses stark, die Schulter an Schulter und auf Augenhöhe mit internationalen Jurys agiert.

Initiatoren:

  • Ingo Offermanns
    Professor für Grafik
    Hochschule für bildende Künste Hamburg
  • Markus Dreßen
    Professor für Grafikdesign
    Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig
  • Markus Weisbeck
    Professor für Grafikdesign
    Bauhaus-Universität Weimar

Unterzeichner*innen siehe Pressemitteilung

Ich fand im Netz gerade einmal zwei designrelevante Magazine, die Page und Slanted die zu diesem Thema posteten. Bei meinem bevorzugten Haussender Deutschlandfunk Kultur fand ich gar nichts. Lediglich das Börsenblatt des deutschen Buchhandels öffnete sich dem Diskurs und lud zur Diskussion auf der Frankfurter Buchmesse ein.

Als ich Bücher zum Wettbewerb einreichte, bekam ich als Gestalter ein Bewertungsprotokoll. Aus diesem war ersichtlich, dass die Jury den Inhalt nicht wirklich erfasst hatte und deshalb alles was von einer gehobeneren „Standardgestaltung“, selbstverständlich zu Gunsten des Inhaltes abwich, negativ beurteilte. Dennoch fand ich es gut eine einigermaßen fundierte Kritik zu erfahren*. Leider scheint das bei den letzten Wettbewerben nicht mehr so gewesen zu sein. Die häufigste Kritik kommt in der Regel vom Auftraggeber, der befindet, dass es das alles gar nicht brauche und das Budget ohnehin schon überzogen sei. Ästhetischen, kulterellen Anspruch als Grafik-Designer zu erheben oder gar eine Mitautorenschaft, wie die eines Übersetzers zu beanspruchen, gilt in der Regel als elitär, anmaßend und überflüssig.

Sieht man sich Plakatwände in deutschen Großstädten an, erkennt man schnell, dass der Gestalter meist zum technische Ausführungsgehilfen für fantasielose Konsumaufforderungen degradiert ist. Städte treiben häufig einen großen Aufwand Kunst und Kultur zu bewerben, viel besser und vielfältiger wäre es höhere Ansprüche an den öffentlichen Wandbehang zu stellen. Kunst im öffentlichen Raum – fast gratis.

Zurück zum schönen Buch. Der Vorwurf des Elfenbeinturmes, des Buchgestalters fern des Gebrauchsanspruches zeigt auf, wie selbstzufrieden die Verlagslandschaft mit ihren Standardbüchern ist. Die meisten dieser Bücher lassen sich völlig ohne Gestalter, ohne individuelle bildnerische Sprache per Software und Datenbank günstigst herstellen. Für einige Bereich der Belletristik ist das irgendwie in Ordnung, auch die Verbreitung einen Textes als „eBook“ ist eine Möglichkeit ohne Gestalter und ohne Anspruch auszukommen.

Das Buch setzt einen Inhalt und damit einen Anspruch an die Gestaltung voraus. Ich kenne keinen ernstzunehmenden Grafiker der das ignoriert oder nur dem Zweck der Selbstdarstellung folgt. Eher konnte ich den Eindruck gewinnen, die Verlage nehmen sich und ihre Belange (Marketing und Gewinn) wichtiger, als die Inhalte oder die der Autoren. Ein Buch mit seinen Belangen und Grenzen hinreichend zu Gestalten ist schon eine der anspruchsvolleren Aufgaben, diese noch mit Individualität, Gestaltungskraft/-wille und Originalität zu erfüllen, sollte doch als höchstes Ziel gelten und nicht als überflüssiges Beiwerk abgetan werden. Da habe ich einen Drucker im Ohr, der meinte zu einem von mir angemahnten Druckfehler, das sähe doch eh keiner!

Die Erfahrung meiner Kunden war stets, dass das schöne, individuell gestaltete Buch in mehrerlei Hinsicht erfolgreich ist. Buchhändler nehmen es gerne ins Programm, die Vielleser haben diese Bücher gerne und schätzen die Erfahrung mit guter Gestaltung auch über den Inhalt hinaus. So landen Bücher im Regal, deren Inhalte erst durch die besondere Gestaltung Relevanz und ein Publikum bekommen. Da geht es eben nicht um Avantgarde und Spinnerei, sondern darum als Buchkonsument ein anständiges, bereicherndes Produkt zu erhalten.

Da sollte die Stiftung Buchkunst doch einen höheren Anspruch hegen, als eben schön im üblichen Rahmen. „Na, Leonie, welches Buch findest du denn am schönsten?“, „Das rote!“

Sämtliche Links:

https://hfbk-hamburg.de/de/service/pressemitteilungen/20180926-offener-brief-fuehrender-grafikdesignerinnen-fordert-die-stiftung-buchkunst-heraus/

https://page-online.de/branche-karriere/harsche-kritik-an-der-stiftung-buchkunst/

https://page-online.de/branche-karriere/streit-um-offenen-brief-an-die-stiftung-buchkunst/

https://www.boersenblatt.net/artikel-diskussion_um__deutschlands_schoenste_buecher_.1531861.html

und selbst Unterzeichnen:
https://secure.avaaz.org/de/petition/Stiftung_Buchkunst_Stiftung_Buchkunst_Wider_das_schoene_deutsche_Buch/?cmsXBnb&utm_source=sharetools&utm_medium=copy&utm_campaign=petition-578159-Stiftung_Buchkunst_Stiftung_Buchkunst_Wider_das_schoene_deutsche_Buch&utm_term=msXBnb%2Bde


* Auch musste ich erkennen, daß ich schon ein bestimmtes Thema oder übliche Inhalte brauche, um bei diesem Wettbewerb eine reelle Chance zu haben.

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6 Gedanken zu “Deutschlands schönste Bücher — wider

  1. Wie kann man denn sinnvoll Typografie unabhängig vom Inhalt beurteilen? Im Studium gestaltete ich monatlich eine Zeitschrift, eine Flämische, eine Französische Ausgabe mit ähnhlichem Inhalt. Die Flämische war immer schöner, weil ich Niederländisch verstand, Französisch aber nicht.

    Gefällt 2 Personen

    1. in meinem konkreten fall ging es gar nicht sosehr um die typografie, eher um die gestalt des buches und dem druck. es war ein monografischer katalog für den maler rainer funk, der u.a. vernis mou radierungen enthielt. die platte ist dabei recht schwach geätzt und rainers drucke sind eher grau, dieses wurde eben bemängelt, als zu schwach gedruckt. der orange leineneinband hatte noch einen schutzumschlag aus transparentpapier, auch das wurde bemängelt, gleichzeigig war das ein aus meiner sicht besonders schöner aspekt des buches. es war ein mit den mitteln des buches gestalteter titel, der die malerei im inhalt abstrakt verbildlichte. die jury beurteilte aber nur nach dem kriterium: katalog und eben nicht kunstbuch rainer funk. mein bildkonzept leuchtete ihnen aber ein und ich landete wenigsten in der „shortlist“, die es damals nicht wie in der jetztigen Form gab. sonst würde ich natürlich ständig damit angeben:)

      Gefällt 2 Personen

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